Manchmal muss man weggehen, um ankommen zu können. Denn die ferne Fremde bietet endlich mal den nötigen Abstand und wenn gewollt und mit zugegebenermaßen hoher Kraftanstrengung verbundener bewusst freigeräumter sozialer und zeitlicher Dimension auch die sooft eingeforderte doch nie (oder selten) erfahrene Begegnung mit sich selbst. Ja, es scheint profan, doch ist nicht einmal so leicht sich sozialen Lassowürfen in der Fremde zu entziehen. Zudem verlangten bisher immer wieder die elektronische Informationsflut im Sekundentakt, die uns willkürlich mit Leid aus dem globalen Dorf belädt, das noch zu absolvierende Praktikum in den Semesterferien und/oder vor dem Masterprogramm, die dutzenden Bewerbungsschreiben für ebendieses, die bedrohlich nahe rückenden Deadlines, die Referenz- und Motivationsschreiben, die CHE-Erhebungsbögen, der TOEFL-Test, die anstehende und noch vorzubereitende Aktion der Hochschulgruppe, das Referat, der Sportverein, die überfälligen Hausarbeiten, der überquellende Mail-Ordner, der auf ein Gespräch drängende und vom Liebeskummer geplagte Kumpel, die Familie, die schon lange auf deinen Besuch wartet, die Oma, der Opa, die Tante, dein/e Freund/in, mit dem/r du dich endlich mal wieder treffen solltest, dein/e Ex-Freund/in, mit dem/r du dich endlich mal wieder treffen solltest, die Post, die Zeitung, die Wohnung, der Kaffee und das Bier deine ungeteilte Aufmerksamkeit und nahmen dir die Zeit zum Stillstehen und Genießen.

In soziale Verantwortung, ferne Erwartungen und emotionale Vakua eingepferchte Gedanken verhalten sich wie scheue und seltene Vögel – sie kommen nur zum Vorschein, wenn ihnen der nötige Raum und die Ruhe gegeben werden. Dann können sie den Bau verlassen, endlich frei sein und fliegen und die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft mal von oben bestaunen.

Die Ferne war wunderbar ereignisreich und kreierte unvergessliche Erinnerungen. Schon in unbeschreiblichen Momenten war mir klar: davon wirst du ein Leben lang zehren. Auch wenn ich die Außergewöhnlichkeit des Augenblicks oft nicht greifen, bzw. realisieren konnte. Im Rückblick strahlt es umso heller – wie es sooft im Leben ist. Man lernt erst wirklich zu schätzen was man hat, wenn man es verliert. Trotz all der wunderschönen Erlebnisse, ist es ein gutes Gefühl heimzukehren und zu wissen, dass Familie und Freunde da sind, da waren und immer da sein werden. Das Neue, Unstete, nicht Greifbare, das Fehlen einer Gleichförmigkeit ist so lange spannend und erfreulich, wie sich keine Routine einstellt. Tritt diese ein, ist es Zeit für die Heimreise. Denn ein Zuhause, eine Basis braucht jeder Mensch. Und ein Spruch kehrte wieder, den ich schon in meinem letzten Reisetagebuch verewigte: Glück ist nichts, solange man es nicht teilen kann. Ob das Erscheinungen eines Mitt-Zwanzigers sind, der seine Stelle im Leben sucht, weiß ich nicht. Jedes soziale Wesen und auch jeder Reisende erreicht wohl irgendwann diesen Punkt. Die Welt ist so groß und bietet Millionen von Möglichkeiten. Und schafft schier unerfüllbare Anforderungen – gegenüber uns selbst und gegenüber anderen. Gerade unsere Generation muss als erste darauf eine befriedigende Antwort finden. Die Qual der Wahl kann destruktive Kräfte entfalten. Eine ruhige Konstante muss sich somit jeder im Leben schaffen, der eine früher, der andere später – aber jeder Mensch braucht mit Sicherheit eine. Um mit noch einem klugen Satz diesen kurzen Exkurs abzuschließen: Genügsamkeit ist eine Tugend. Ich glaube zudem es ist der Schlüssel zur Selbsterfüllung und zum Erfolg, sprich zum persönlichen „Glück“.

Nun bin ich also am Ende meiner Memoiren und kann meine Reise gedanklich abschließen. Viel steht nun in diesem Blog, viel habe ich in Kopf und Herz mitgenommen, was sich nie niederschreiben ließe. Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen und konntet das Eine oder Andere mitnehmen.

Ich wünsche Euch das Beste.

Euer Tom.


Mensch, das war dann ja doch mal wieder eine echt spontane Aktion! Nachdem ich von meiner Grenzerfahrung in Südpatagonien nach Santiago zurückkehrte, schloss mich mein geliebtes Santiago mit sommerlich heißen Temperaturen wieder in ihre smogerfüllten Arme. Die Nachtfahrt von Puerto Montt nach Santiago dauerte nur 12 Stunden und war auf den Luxus-Schlafsesseln im Turbus-Bus eine echte Wonne. Ich habe zum ersten Mal in einem Bus richtig schlafen können. Was bei Turbus lustig ist: Die Busse dürfen maximal 100 km/h fahren. Die Geschwindigkeit wird per Leuchttafel angezeigt. Beschleunigt der Fahrer auf 101 km/h, ertönt ein lautes Piepgeräusch, was echt nervt. Zwischendurch hatten wir mal einen Fahrer, der es anscheinend etwas eiliger hatte… Im Hostel in Santiago angekommen (ich wollte meine Bewegungsfreiheit nicht einschränken durch die Übernachtung bei Freunden) blieben mir noch genau zwei Tage bis zur endgültigen Rückkehr nach Deutschland. Meine to-do-Liste war monströs, also musste ich genaustens selektieren. Am Nachmittag sammelte ich meine sieben Sachen wieder zusammen, die ich in Santiago gelassen, bzw. dorthin geschickt hatte. Am gleichen Abend lud ich zum Grillfest in meinem Hostel Alberto und einen seiner Kumpels ein. Zusammen mit einem durchgedrehten Franzosen aus dem Hostel rockten wir zu viert das letzte Mal das Subterraneo in meiner alten Hood. Die französische Flirtstrategie – also eher übelste Sorte Begrapsch-Aktionen – ging mir mit der Zeit gehörig auf die Nerven, da ich anscheinend von uns allen als Verantwortungsperson gesehen wurde und den Unmut der Ladies zu spüren bekam. Obwohl ich der einzige war, der sich benahm… Leicht lediert entschied ich mich spontan am nächsten Mittag nach Valparaíso zu düsen, nachdem so viele davon schwärmten. Auf dem Weg zum Busterminal begleitete ich eine Französin mit tonnenschwerem Gepäck, die wenig Tage später ihr Praktikum in der Kulturabteilung des französischen Konsulats in Concepción beginnen wollte. Trotz Masterabschluss unentgeltlich. Schon ein-einhalb Stunden später war ich vom chaotischen Umherwuseln in „Valpo“ schwer begeistert. Ich hatte schon davon gehört, aber konnte es kaum glauben: Dort leben tatsächlich noch mehr Straßenhunde als in Santiago! Bei uns Tauben, dort Hunde. Mein Mittagessen teilte ich mit einem Bettler, davon sah ich zumindest in der Nähe des Busbahnhofes eine Menge. Da fällt mir die Story aus Santiago ein: Eines Tages auf dem Hinweg zum Bäcker (ich ging fast jeden Morgen dorthin), begegnete ich einer alten, verrunzelten Oma, die vor dem nahegelegenen Krankenhaus auf einer Steinstufe saß und bettelte. Da es sehr heiß war, kaufte ich ihr eine Flasche Wasser. Als ich ihr diese dann auf dem Rückweg überreichen wollte, schaute sie von mir auf die Flasche zurück zu mir – und schüttelte den Kopf. Sie wolle gefälligst Geld und kein Wasser… Naja, Unbarmherzigkeit kann man mir jedenfalls keine vorwerfen. In Valpo steckte ich mir dann die Route für meinen fünf-stündigen Kurzaufenthalt. Nachdem ich das Parlamentsgebäude im kulturellen Zentrum Chiles passierte, der chilenische Nationalkongress ist das einzige Verfassungsorgan, welches nicht in Santiago residiert, nahm ich einen Collectivo (Minibus) in die Hügel zur La Sebastiana. Dieses Anwesen war eines von vielen des wohl berühmtesten Chilenen der Neuzeit: Pablo Neruda. Diese unglaublich vielseitige und begabte Persönlichkeit war unter anderem Konsul in Spanien, wo er sich auch künstlerisch im spanischen Bürgerkrieg gegen die Putschisten um Franco engagierte, dann Generalkonsul in Mexiko, später Senator der KP im chilenischen Parlament. Nach Kritik am Präsidenten wurde vom Parlament seine Immunität aufgehoben und Neruda musste, wie schon aus Spanien, fliehen. In Frankreich arbeitete er auch mit Pablo Picasso zusammen. 1952 wurde der Haftbefehl gegen Neruda aufgehoben und er kehrte noch im gleichen Jahr in sein Heimatland zurück. Nach der Präsidentschaftswahl 1970, die Salvador Allende für sich entschied, machte dieser Neruda zum Botschafter in Paris. Ein Jahr später wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Im September 1973 erlag der bis heute bekannteste chilenische Schriftsteller und Poet seinem Krebsleiden, nur zwölf Tage zuvor hatte Augusto Pinochet die Macht durch einen Putsch gewaltsam übernommen. Das Schaffenswerk Nerudas ist riesig und er wird noch heute vor allem Chile als Nationalheld verehrt. Nach dem Besuch seines mit Sammlerstücken faszinierend eingerichteten Hauses, setzte ich meine Wanderung auf der Avenida Alemania Richtung Hafen fort. Die Graffitis in Valpo sind ganz einfach nur wahnsinnig krass geil! Ich habe noch nie eine so bunte Stadt gesehen. In den Hügeln, von wo aus man einen tollen Blick in den riesigen Hafen und ins nahe gelegene Viña del Mar hat, erinnert Valparaíso schwer an die Favellas in Rio – nur etwas sauberer und noch bunter. Der Weg zum Hafen führte mich über unzählige kleine Pfade und ein Labyrinth aus Wegen, Gassen und Treppen. Ich lief an vielen Ascensores vorbei, großen Aufzüge, die in der ganzen Stadt Güter die Hügel hinauf- oder hinabtransportieren – und am Buchmuseum von Yury! Dieser überzeugte und sehr engagierte Spätkommunist ist in Valpo anscheinend eine richtige Berühmtheit. Den vielen ausgehängten Zeitungsartikeln zufolge in seinem mit Werken von Stalin, Allende, Honecker, Che, Castro, Chávez, und anderen Rotsocken zugeschütteteten Kleinstmuseum, hatte er sich wohl sogar mal als Bürgermeisterkandidat beworben. Als ich ihm von meiner ostdeutschen Abstammung berichtete, holte er sogleich sein DDR-Barett hervor und wir erhoben die Faust zum kommunistischen Gruße;).  Außerdem erklärten mir Chilenen nun, was es mit diesen kleinen Häuschen auf sich hat, die man desöfteren geschmückt am Straßenrand findet. Dies sind Animitas und diese erinnern wie bei uns Kreuze an tödliche Unfälle. Als ich den Hafen erreichte, offenbarte sich mir das ganze Spektrum der Gegensätze Valparaísos. Massive Kolonialbauten säumten die Prachtstraßen. Dieser plötzliche Wandel in der Architektur (als ob man in einer anderen Stadt oder gar in einem anderen Land sei) erinnerte mich wiederum an Lima. Dieses Rio-Lima-Gemisch in doch relativ sicherem chilenischem Gefilde machte Valparaíso zu einem meiner absoluten Lieblingsorte der gesamten Reise. Der Hafen war gigantisch. Transportschiffe, Tanker, Touristenkreuzer und Militärschiffe lagen dort vor Anker. Der Hafen war im 19. Jahrhundert zusammen mit San Francisco der wichtigste Pazifikhafen auf dem amerikanischen Kontinent und ist noch heute der wichtigste Chiles. Das gesamte Hafengebiet ist monströs groß. Nach Sonnenuntergang unternahm ich noch eine Hafenrundfahrt, bevor ich mich wieder zum Busterminal begab. Apropos Bus: Auf der Fahrt von Lima nach Cusco hatte ich im Bingo eine Busfahrt gewonnen! Da diese jedoch nur für eine Fahrt von Cusco nach Lima oder eine vegleichbare Strecke galt und nicht übertragbar war, konnte ich damit nicht viel anfangen. Im Endeffekt gewann dann von den circa fünf Leuten eh nur einer das Ticket per Losverfahren.

Naja, am nächsten und letzten Tag in Chile, fuhr ich mit Cristobal zu seinen Eltern, wo der Hauptteil meiner Koffer seit Januar lagerte. Unser nun aber wirklich allerletztes  NIU-Abschlussessen war köstlich. Am nächsten Morgen wurde ich von Cristobal und Chechu dann zum Flughafen begleitet, wo ich komischerweise statt 2 x 23 kg gleich 2 x 32 kg mitzerren durfte. Dann gings mal wieder per A320 nach Sao Paulo. Im Tourismuswahn entschied ich mich noch im Flugzeug dafür, mir diese Megametropole noch anzuschauen; denn wenn ich schon mal dort war, ne?! Als ich dann jedoch die Passkontrolle hinter mir gelassen und den Ausgang erreichte hatte, lief ich gegen die mir eigentlich bekannte brasilianische Hitzewand. Mit langer Hose und langem Hemd transpirierte ich schon allein bei der Suche nach einem Bus so dermaßen, dass ich mich dann doch gegen meine Stadttour entschied und stattdessen die Flughafencafés ausprobierte. Als ich ziemlich schläfrig wieder in den Abflugbereich vordringen wollte, wurde mir mitgeteilt, dass ich noch meine Urlaubssteuer zu entrichten hätte. Moment mal, Urlaubssteuer für ein Brötchen und einen Kaffee? Jepp, die ist nämlich nicht in meinem Ticket inkludiert. Ganze 62 Reais (ca. 30 Euro) später, konnte ich dann die restlichen Stunden meines insgesamt mehr als zwölf Stunden langen Zwischenstopps (meine Boeing 777 hatte auch noch Verspätung) auf unbequemen Bänken verschnarchen… Und eh ich mich versah schloss ich meine Liebsten wieder in die Arme! Der ultimative Abschlussbericht kommt noch, nun gabs ja erstmal genügend Lesestoff für heute Nacht.

LG. Euer ToM

 


…bat das Art-Hostel in Rio. Nun denn, allem wohnt eine Seele inne. Apropos Seele, Friede und Einheit: Meine Starbucks-Pause hat mich gerade eben dazu animiert, euch einen Textschmaus vorzusetzen, wie ich ihn nur ganz selten mal genießen durfte. An die smarte Einleitung folgt nun mit ebenso gekonnter Überleitung eine kurze Reportage von Justus Bender, der in „Treibstoff Schmerz“ ein Phänomen so markant präzisiert, dass es einem Krimi gleicht. Unbedingt lesenswert! Erschienen ist der Text übrigens in der Zeit Campus:

Treibstoff Schmerz

Zusammen mit Claudia, Chris, Zidine und Marlon flogen wir also am 20.12.2010 mit einer Boeing 767-300 über Sao Paulo nach Rio. Am Ausgang des Terminals wollten wir uns eigentlich mit Emmanuel treffen, der von Santiago aus eine andere Maschine genommen hatte. Doch dort tauchte er leider nie auf. Nach mehreren Flughafendurchsagen und Suchaktionen entschlossen wir uns ohne ihn weiterzuziehen…Jaja, von sechs verblieben schon am ersten Tag nur noch fünf Jägermeister. Die kurze Fahrt durch Rio zum Busterminal war schon atemberaubend – allein das bunte Treiben und Graffiti überall! Am Busbahnhof erwischten wir dann noch den letzten Bus nach Mangaratiba, von wo aus wir geplant hatten, die Fähre zur Ilha Grande zu nehmen. Nach zwei Stunden Busfahrt, es war mittlerweile dunkel und wir alle gut fertig und schön am Dösen, gab es plötzlich einen riesigen Knall und wir wurden nach vorne geschleudert. Ich blickte nach links und sah noch wie ein qualmendes Vehikel an unserem Bus vorbeischrammte… Wir hatten bei voller Fahrt ein Auto frontal getroffen! Als wir schließlich zum Stehen kamen, konnte ich in der Ferne nur Rauch sehen und viele Autos, die an der Stelle stoppten, wo sich die Kollision ereignet hatte. Der Busfahrer verließ daraufhin den Bus und ließ uns eingepfercht zurück – die Tür zum Cockpit des Fahrers war auch verschlossen. Die wenig später eintreffenden, schwer bewaffneten Polizisten verweigerten uns den Ausstieg. Angeblich sei es abseits der Straße im Busch aufgrund der Schlangen zu gefährlich…Doch im Bus gab es keine Toilette! Nach heftigen Protesten konnten wir dann endlich aus der Sardinenbüchse und ein anderer Bus des gleichen Unternehmens nahm zumindest einige von uns mit. Beim Ausstieg konnten wir auch die Beschädigung des Busses sehen – ob der Fahrer im Auto den Aufprall überlebte weiß ich nicht, unser Bus war übel mitgenommen. Der neue, völlig überfüllte Bus brachte uns dann nach Mangaratiba, einem kleinen brasilianischen Fischerdörfchen 100 Kilometer südwestlich von Rio. Laut Fahrplan sollte dort noch eine Fähre zur Insel ablegen, doch die einzige Beförderungsmöglichkeit stellte ein kleines Fischerboot dar, wofür dessen Besitzer eine Unsumme forderte. Also entschlossen wir uns kurzfristig, die Nacht gegenüber der Ablegestelle in einem abgehalfterten Hostel zu verbringen. Selbstverständlich ohne Klimaanlage zu fünft bei über 35°C nachts und 100% Luftfeuchtigkeit. Als Marlon und ich später nach dem Essen noch durch das kleine Dörfchen schlenderten,  wurden wir von einer Horde Jugendlicher verfolgt, die uns anboten, mit den Mädels in ihrer Clique Sex haben zu können. Sehr bizarr, vor allem da die Kiddies sicher nicht älter als 14 – 16 Jahren waren! Zudem verstanden weder sie noch wir ein Wort voneinander. Die Jungs verfolgten uns dann sogar bis ins Hostel.

Am nächsten Morgen konnten wir dann endlich nach stundenlangem Schlangestehen an Deck. Der erste Anblick der Ilha Grande, was übersetzt große Insel  heißt, erinnerte mich schlagartig an die Insel aus Jurassic Park: aus dem Nebel tauchte ein dicht bewaldeter Riese empor, dessen Gipfel bis in die Wolken hineinragten. Geteerte Straßen existierten nicht und ich habe in der gesamten Zeit auch nur einen LKW und zwei Mopeds gesehen. Unser Hostel, das Hostal Holandes, lag ein wenig abseits mitten im Tropenwald. Als wir die Rezeption erreichten, trafen wir auch unseren verschollen geglaubten Reisegefährten wieder. Wir bezogen unser eigenes Appartement und faulenzten den ersten Tag caipirinha-schlürfend im Dorf. Abends zogen wir durch die Gassen und tranken kühles Bier in sehr einfach ausgestatten Kneipen (Plastikstühle auf der Sandstraße). Der nächste Tag war eher strandlastig, später entschlossen wir uns noch eine kleine Strandwanderung zu unternehmen. Diese kleine Wanderung – wir waren lediglich mit Flipflops ausgerüstet – verwandelte sich aufgrund von anhaltendem heftigstem Platzregen (was auch für die kommenden Tage so bleiben sollte) mittem im Dschungel jedoch zum knallharten Überlebenstraining. Da Christian und Claudia verschwunden waren, mussten wir sie suchen, also weiter bergauf, glitschige Schlammpfade hinaufkletternd, teils auf allen Vieren vorwärtsrobbend. Irgendwann rutschten wir nur noch barfuß durch das Dickicht, fanden die Fahnenflüchtlinge gefühlte drei Stunden später aber dann doch noch.

Einen Tag später, an Heiligabend, schmausten wir alle zusammen mit anderen Hostelbewohnern lecker im Hostel und wanderten danach ins Dorfzentrum zur Weihnachtsmesse á la Brasilia. Kitschige, flackernde Lichterketten und blinkende Heiligenfiguren unter rotierenden Deckenpropellern zu Glockenschlägen aus der High-Fi – Anlage riefen auch bei besten Intentionen nicht gerade eine besinnliche Weihnachtsstimmung hervor. Nach dem lauthalsen Singen von brasilianischen Weihnachtsliedern wandten wir uns dann, zurück im Hostel, der Internationalität der Trinkspielvariationen zu. Meine Idee des „Ring of Fire“ überführte uns dann alle doch in ziemlich heilige Sphären und Natasha wurde uns zum ganz besonderen Verhängnis. Diese russische liquide Persönlichkeit ließ bei uns dann schlussendlich auch die Engelchen ertönen und wir marschierten im Regen noch gen Dorfzentrum. Dabei entwickelten sich die Sandstraßen zu Schlammpisten – doch wer sie passieren wollte, der musste das Waten durch knietiefen Matsch in Flipflops in Kauf nehmen. Der Regen führte auch dazu, dass alle Abwasseranlagen überliefen, was  Toilettenabwässer etc. auf die Straßen spülte…

Am nächsten Morgen bemerkte ich am linken großen Zeh schon zwei weiße Punkte, schenkte dem jedoch keine weitere Aufmerksamkeit. Wir besuchten per Schiff den legendären Strand Lopes Mendes. Türkis-blaues Wasser, weißer Sandstrand, der direkt an den Regenwald grenzt. Wahnsinn! Mit ein paar Mädels vom Hostel wanderte ich dann wieder zurück dorthin und konnte noch mehr wunderbare Naturschätze und tierische Bewohner der Insel bestaunen. Am nächsten Tag mussten wir unser Hostel wechseln, da unser altes Hostel ausgebucht war. Danach relaxten wir am Strand von Abraãozinho und fuhren dann mit dem Motorboot zurück zum Hafen. Marlon und ich mischten uns am späten Nachmittag noch unter die einhimische Bevölkerung in einer Bar, wo wir Billard spielten und vielen Saufliedern lauschen konnten. Ein Schreck jagte mir eine extrem laute Explosion ein, die sich direkt vor der Kneipe ereignete. Solch einen ohrenbetäubenden Lärm habe ich noch nie vernommen! Wahrscheinlich war das ein selbst gebastelter Silvesterknaller…Wahnsinn, Staub wirbelte auf, alle schimpften den vermeintlichen Tätern hinterher und in meinem Ohr hallte der Knall noch zwei Tage nach. Achso, und ich habe eine kule Schlange und viele Kolibris gesehen! Am nächsten Tag fuhren wir dann schon vorzeitig zurück nach Rio, da Marlon im Unfallbus von der Hinfahrt seinen Pass vergessen hatte.

Als wir am 27. Dezember dann Rio erreichten, crashten wir für zwei Nächte erstmal in der Villa Carioca, einem Hostel im Stadtteil Flamengo. Der Schmerz in meinem Zeh hatte mittlerweile ordentlich zugelegt, sodass ich für größere Stadttouren nicht zu haben war. Unsere kleine Reisegruppe hatte sich leider nach ein paar Tagen auch als ne ziemlich lahme Truppe herausgestellt. Und mit der Einstellung immer geschlossene Gruppenausflüge zu unternehmen und nur unter sich zu bleiben konnte ich ja noch nie so viel anfangen, schon gar nicht bei solch tollen Reisen. Da zieh ich den Kontakt mit Einheimischen klar vor, man will ja schließlich was lernen. Also zog ich am Abend allein in ne Bar, dem Shooters, wo ich auch gleich mit Brasilianern ins Gespräch kam und einen der besten Abende in Brasilien verbrachte. Unter anderem wurde mir ein Dragon’s Breath spendiert, dessen Genuss schon ein Wagnis ist. Absinth, Tequila und Cointreau kommen in ein 4cl-Glas. Diese Mischung wird dann angezündet (und mit Zimt bespränkelt, was tolle Funken erzeugt) und dann mit einem großen Weizenglas abgedeckt, bis die Flamme erstickt. Dann wird ganz ratz fatz das umgedrehte Weizenglas heruntergenommen und mit einer Serviette abgedeckt. Mit einem Strohhalm muss dann in einem Zug das 4cl-Gemisch geleert und anschließend mit dem Strohhalm die Serviette durchstochen und direkt in einem Zug das Alkohol-Gas-Gemisch inhaliert werden. Unglaublich, danach fiel ich fast vom Stuhl, war aber die Attraktion der Bar. Super lustig. Am darauffolgenden Tag musste ich dann, schon schwer humpelnd, einen Doc in Rio suchen, mit dem ich mich auch verständigen konnte. Dort bekam ich dann Antibiotika, musste für die Behandlung aber immerhin nichts bezahlen. Zwischenzeitlich hatten wir auch mal wieder das Hostel gewechselt. Im Art Hostel im Stadtteil Botafogo versuchte ich dann meinen mittlerweile schwarzen Zeh, blauen Fuß und mein rotes Bein  etwas zu schonen. Mit der Hilfe des Hamburger Hostelbesitzers besorgte ich mir Krücken, da ich schon gar nicht mehr laufen konnte. Als ich am letzten Tag des Jahres von der Leblosigkeit meines Fußes schwer schockiert war, entschloss ich mich früh morgens zu einem weiteren Arztbesuch. Klar, ich benötigte eine Klinik, in der jemand Englisch oder Spanisch sprach. Der Unterschied zwischen Spanisch und Portugiesisch ist nämlich unerwarteterweise enorm, was nicht nur meinem Akzent zuzuschreiben war. Auch die Spanisch-Muttersprachler konnten sich nicht auf Spanisch verständigen. Eher findet man Leute, die Englisch sprechen. Spanisch spricht in Rio (und das soll im ganzen Land nicht anders sein) fast niemand, obwohl Brasilien von einer ibero-romanischen Umwelt umgeben ist. Also empfohl mir der Hostelchef ein Krankenhaus, indem wohl Englisch gesprochen werde. Als mich der Taxifahrer dann am entsprechenden Krankenhaus ablieferte, musste ich an der Anmeldung feststellen, dass mich dieser schwer abgezockt hatte: Als ich an der Anmeldung auf meinen abgestorbenen Fuß zeigte, tippte die Dame auf ihr Herz. Nein, sie hatte kein gebrochenes Herz. Ich stand in einer kardiologischen Klinik. Die nächste Taxifahrt führte mich dann in das geplante Krankenhaus. Dort konnte mir an der Rezeption aber nicht wirklich jemand weiterhelfen, also musste eine Studenten übersetzen. Es stellte sich schnell heraus, dass im ganzen Krankenhaus weder eine Schwester, noch ein Arzt ein Wort Englisch sprechen würde. Angeblich. Naja, also ermittelte ich die nächste Station auf meiner Krankenreise. Als ich in der Privatklinik ankam, traf ich vor der Notaufnahme glücklicherweise eine brasilianische Familie, die Englische sprechen konnte. Mit deren Hilfe konnten alle Formalien geklärt werden. Stunden später wurde ich dann in die  Notaufnahme hinein. Meine Ärztin sprach perfekt Englisch und ich war zum ersten Mal erleichtert. Meine Nachbarn hatten alle äußerlich sichtbare Verletzungen, da kam ich mir mit meinem Zeh-Wehwehchen schon lächerlich vor. Nach ein paar Untersuchungen teilte sie mir jedoch mit, dass man meinen Zeh umgehend operieren müsse. Es war mittlerweile 18 Uhr, am 31.12.! Ich war in Rio! Silvester! Kurz darauf besuchte mich der Doc, bei dem ich zwei Tage zuvor in der Praxis war. Keine Ahnung, wie der von mir erfahren hatte. Jedenfalls erklärte er mir den Eingriff und die Kosten: Kurze OP, umgerechnet 500 Euro cash. Schluck! Ob es denn eine billigere Alternative gäbe? Ja, ein öffentliches Krankenhaus. Sie könnten mir sogar einen Chirurg organisieren, der sonst in der Privatklinik arbeiten würde. Also fuhr ich wieder mit dem Taxi zu genannter Klinik – mittlerweile hatte ich schon ganz Rio aus dem Taxi gesehen. Als ich dort ankam, bereute ich schon meine Entscheidung. Die Fassade im Eimer, die Fenster teilweise gesplittert. An der Anmeldung stach mir so ne alte Guerilla-Kämpferin zuallererst mit einem rostigen Nagel in den Finger, um meinen Blutzuckerspiegel zu messen. Der war verdammt niedrig. War ja auch klar, ich war seit dem Morgengrauen auf meiner Krankenhauserlebnistour. Als ich dann die orthopäische Notaufnahme erreichte, baute sich ein Bild des Grauens vor mir auf. In einem ca. 300m² großen Saal lagen dutzende Verletzte auf braunen Lederliegen, blutend, stöhnend, weinend, krächzend… andere tratschend und essend. Von Autounfällen bis hin zu Schussverletzungen war alles dabei. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Als mich der zuständige Doktor erblickte, kam er gleich auf mich zu. In einem kleinen Nebenraum griff er dann sogleich ohne große Worte zum Skalpel. Der wollte doch tatsächlich direkt in diesem absolut unhygienischen Umfeld ohne großes Pipapo meinen Fuß bearbeiten. Das wurde mir zu bunt. Ich wandte in letzter Sekunde die Folterinstrumente von meinem Fuß ab und machte mit gleichem Pferdedoktor einen Termin in der Privatklinik für den nächsten Morgen um acht Uhr. Dann sprang ich auf, schnappte meinen Rucksack und meine Krücke und flüchtete humpelnd vor dem Skalpel schwingenden Todesschwadron aus dem Krankenhaus. Die letzten Worte, die mich noch erreichten, warnten mich vor Menschenmassen und Alkohol in meinem angeschlagenen Zustand. Naja, was soll ich sagen? Völlig entkräftet, jedoch froh ins neue Jahr hineinfeiern zu können, begannen wir schon kurze Zeit später im Hostel das alte Jahr gebührlich zu verabschieden. Zusammen mit Alfonso und einer Gruppe durchgeknallter Australier begaben wir uns später nahe dem Strand in Copacabana zu einem Hostel. Dort brach mit einem Mal eine eben noch fröhliche Australierin bewusstlos zusammen. Zufälligerweise stand in unmittelbarer Nähe ein privates Krankenhaus, zu dem wir die völlig betäubte und aus den Mundwinkeln tropfende Dame brachten. Am Eingang wurde uns dann mitgeteilt, dass nur eine Betreuungsperson zugelassen sei. Und da außer mir niemand Spanisch sprach (eine Krankenschwester dort ebenfalls), begleitete ich sie hinein. Viel Auskunft konnte ich auf die ganzen Fragen der Ärzte jedoch nicht geben. Als ich dann eine halbe Stunde später noch immer neben auf meine Krücke gestemmt, die Hygienetüte vor den Mund der Abwesenden hielt, kamen so langsam Zweifel in mir auf. Es war 23 Uhr am 31.12. in Rio in Copacabana und ich stand, ein völlig unbekanntes und die eigenen Körpersäfte nicht mehr kontrollierendes Drogenopfer begleitend im fünften Krankenhaus des Tages. Irgendwas stimmte hier nicht! Als ich dann aus Versehen fast das Abführmittel meines Schützlings austrank, beschloss ich kurzerhand mein Glück selbst in die Hand zu nehmen. Die Mädels und Jungs standen noch vor der Notaufnahme, ein weiterer Homie saß schon im Rollstuhl, da auch er seine Extremitäten kaum noch koordiniert bewegen konnte. Gemeinsam erreichten wir jedoch noch rechtzeitig den Strand. Das Feuerwerk inmitten von drei Millionen in weiß gekleideten Menschen war phänomenal, einfach nur atemberaubend. Auf einer Breite von Kilometern wurden die Feuerkörper vom Meer aus abgeschossen. Schön und schmerzhaft zugleich, da ich mit Flipflops und Krücke im Sand stand und von Menschenmassen umgeben war. Nach mehreren extrem schmerzhaften Kontakten machte ich mich zusammen mit William auf den Heimweg – ein Taxi war jedoch erst nach einer Ewigkeit und der Bezahlung eines Vermögens zu haben. Das Wiedersehen mit meinem Doc ein paar Stunden später im OP-Saal war sehr lustig, da meine Nichtbeachtung seiner Tipps offensichtlich war. Der Eingriff war auch ziemlich schmerzhaft, was möglicherweise auf die vorherigen Abendaktivitäten zurückzuführen war. Nun gut, meinen Zeh konnte ich behalten, musste nur viel ruhen und eine Menge Medikamente einnehmen. Erst an unserem vorletzten Tag in Rio, konnte ich mich halbwegs fortbewegen. Zusammen mit zwei Australiern unternahm ich eine geführte Favella-Tour. Ich hatte eine Weile überlegt, da viele solch eine Unternehmung ablehnen mit der Begründung, die Leute, die dort leben, seien keine Tiere, die man sich wie in einem Zoo anschauen solle. Auf der anderen Seite kann man soziale Zustände und Prozesse nur verstehen, wenn man sich mit ihnen auseinandersetzt. Und ich fand unsere Tour gar nicht schlecht, da zum einen ein Teil des Geldes Projekten in den Favellas zugute kommt und man andererseits das Leben dort kennenlernt und überrascht ist von dem würdevollen Leben, das sich Menschen dort aufgebaut haben. Das hat mit den Kinoklischees, wie zum Beispiel City of God überhaupt nichts gemein. Diese Favella gibt es übrigens wirklich in Rio. Sie zählt mittlerweile jedoch schon fast zu einer Mittelschichtssiedlung. In Rio gibt es übrigens insgesamt 786 Favellas! Laut den Infos unseres Reiseleiters sollen maximal in jeder Dritten Drogendealer noch ihr Unwesen treiben. Wie wir alle im letzten Jahr in den Nachrichten verfolgen konnten, übernahm die Polizei in vielen Favellas wieder die Gewalt und übt nun dort die Kontrolle aus. Wir besuchten Rocinha die größte Favella Rios mit ca. 160.000 Einwohnern. Dort durften wir nur selten Fotos machen, da eben doch einige Kriminelle herumtigerten. Doch von oben sah es viel schlimmer aus, als von mittendrin betrachtet. Es gab dort Waschsalons, Handwerksläden, Bars, Restaurants und sogar eine Bank, in der ich problemlos Geld abheben konnte. Und das Überraschendste: Dort stand nicht ein einziger Polizist oder Sicherheitsbediensteter! Außerhalb der Favellas säumen diese schwerstbewaffnet jede Bank, jeden Supermarkt und jede Wechselstube. Überhaupt hatte ich einen sehr guten Eindruck vom Leben in eine Favella. Klar, wir wurden sicher nur einen extra sicheren Weg entlanggeführt. Doch ich hatte den Eindruck, und das bestätigte auch die Stadtplanung (Rocinha grenzt direkt an eines der teuersten Stadtviertel Rios mit Tennis- und Golfplätzen und den abgefahrensten Penthouse-Wohnungen), dass dort eine soziale Harmonie herrscht, wie ich sie nicht kenne. Viele sind mit dem Leben in der Favella sehr glücklich und entwickeln keinen Neid oder den Wunsch auf gewaltsame soziale Umstürze. Der ehemalige Präsident Lula da Silva und seine jetzige Nachfolgerin genießen zudem eine sehr große Sympathie in den Favellas, da sie sehr viele Investitionen zur Lebensverbesserung in sozial schwachen Gegenden durchgeführt haben. Es wurden Schulen, Straßen, Kranken- und Gemeindehäuser errichtet und ganze Gebiete an das Stromnetz und eine Kanalisation angeschlossen. Zudem entfällt in den Favellas die Mehrwersteuer. Die Architektur, das einzige Alleinstellungsmerkmal von Favellas zu anderen sozial schwachen Agglomerationen, ist einzigartig. Bei unseren Fußmärschen quetschten wir uns durch engste Gässchen, vorbei an Nachbarschaftstreffen, über Balkons und Vorgärten. Ich glaube der größte Vorteil einer Favella ist der unglaublich stark ausgeprägte Gemeinschaftssinn. Jeder ist seinem Nachbarn so nah und auch gleichzeitig von ihm abhängig, dass man ein sehr harmonisches Gemeinwesen entwickeln musste. Unser Reiseleiter erzählte, dass eine Favella der einzige Ort in Brasilien sei, an dem man nachts die Haustür offen stehen lassen könne, ohne dass jemand etwas klaut. Dies mag einer der Gründe sein, warum viele, die sich einen Umzug in eine bessere Gegend durchaus finanzieren könnten, den Verbleib in der Favella vorziehen. Unser Eindruck von am Statdrand gelegenen Slums, wo Menschen unwürdig im Dreck leben und pure Gewalt herrscht ist also vollkommen falsch.

Am letzen Tag in Rio besuchte ich dann doch noch trotz Regenschauern den Corcovado, der Berg, auf dem die berühmte Jesus-Erlöser-Statue thront. Per Zahnradbahn gings bergauf. Der Blick von oben ist sagenhaft! Danach cruiste ich zum Zuckerhut, bzw. Zuckerbrot, wie es übersetzt in allen anderen Sprachen heißt. Dort ist eine Besteigung zu Fuß unmöglich. Nur per Seilbahn kann man den tollsten Ausblickspunkt ganz Rios erreichen. Auf dem Weg nach oben lernte ich ein brasilianisches Pärchen kennen, mit denen ich meine restliche Tagestour beendete. Danach checkte ich im absolut angesagte Szenestadtviertel Lapa den berühmten Clube Dos Democraticos aus, übrigens die älteste Karnevalsvereinigung Rios!

Am nächsten Abend fuhren wir, Claudia, Chris, Marlon und ich zum Flughafen, wo wir die Nacht verbrachten, da unser Flieger einer der ersten war, der von Rio aus gen Sao Paulo startete. Vom Airbus A 330 wechselten wir dort in eine Boeing 777 mit Ziel Santiago. Die Vorfreude auf Onkel Toms Hütte wandelte sich, wie schon bekannt jedoch schnell in den Kleinkrieg mit meiner Vermieterin…

Der Ferne so nah

Veröffentlicht: April 11, 2011 in Chile

Allerliebste LeserINNEN meines kleinen digitalen Abenteuertagebuches,

mit großer Begeisterung habe ich die vielen Klicks auf meinen Blog zur Kenntnis genommen. Merci dafür. Auch wenn ich nun schon seit sechs Wochen zumindest physisch wieder im Herzen Europas vegetiere, möchte ich meine Reiseerzählungen trotzdem noch fein säuberlich abrunden und geschichtlich abschließen. Da ich zwar mit den allermeisten, aber eben noch nicht allen von euch persönlich meine Rückkehr feierlich begießen konnte und zudem meine Memoiren vor dem Sumpf des Vergessens bewahren möchte, hier nun ein Nachtrag von drei sehr ereignisreichen Wochen:

Meiner letzten Klausur an der UDD schloss sich eine sehr feierreiche Woche an. Nachdem wir in Marlons WG das Semesterende mit einem festlichen Truthahnessen abschlossen, gings einen Tag später zu Antonios WG-Party. Von dieser Nacht ist mir vor allem die Bekanntschaft mit einer Lokalgröße in Erinnerung geblieben. Dieser Typ konnte innerhalb von zwei Sekunden einen halben Liter Bier vernichten! Damit war er auch schon in Talkshows unterwegs. Sein Trick: Einfach die Speiseröhre öffnen und das Schlucken unterdrücken. So kann er auch ganze Masskrüge innerhalb von Sekunden leeren. Am Mittwoch kam mich dann der Passauer C(h)ris besuchen, der gerade ein Praktikum in Córdoba, Argentinien, absolvierte. Nach mehrstündiger Verspätung und vielen ergebnislosen und besorgten Anrufen, gabelte ich ihn dann schließlich nicht weit von mir an einer Metrostation auf. Ich muss dazu anmerken, dass Chris grundsätzlich trampt, daher waren meine Sorgen um den Anden-Überquerer nicht ganz unbegründet. Naja, kurz darauf bejubelten wir aber umso feierlicher unser Wiedersehen und konnten sogar meine äußerst party-scheue Mitbewohnerin im Club Subterraneo tanzend begeistern. Als dort die Lichter angingen, beschlossen wir spontan im Hotel von eben kennengelernten Chilenen weiterzurocken. Wow! Am nächsten Tag intensivierten wir unser Kulturprogramm und besuchten den Plaza de Armas und die dortige riesige Kathedrale Metropolitana von Santiago. Das war der größte Sakralbau, den ich je von innen sah. Dort erlebte Chris auch zum ersten Mal das „Blonde-Gringo-Phänomen“, ganz Stranger in Santiago: In der Kathedrale liefen uns ganze Schulklassen hinterher, um ein Foto von und mit uns machen zu können. Danach stieß mein dänischer Chris zu uns und begleitete uns zum Mercado Central, wo wir voll touristisch in eins der bekannten Fischrestaurants einkehrten. Das famose Museo Precolombino kam seinem guten Ruf nach und wir konnten Relikte früher Kulturen bewundern. Vom Parlament gings dann in eins der berühmten Cafés con Piernas, also Cafés mit Beinen. Die heißen so, weil dort leicht bekleidete weibliche Bedienungen viel Bein zeigen. Klingt irgendwie machohaft, ist aber in Chile eine weit verbreitete und akzeptierte Einrichtung. Diese Lokalitäten sind grundsätzlich Steh-Cafés mit vielen Spiegeln, einer Menge Kaffeesorten und Aschenbechern (auf den Boden zu aschen ist aber auch ausdrücklich erwünscht!). Dort tummeln sich jedoch nicht besonders verabscheuungswürdige Vertreter vermuteter Randgruppen, denen man am liebsten nur mit der Kneifzange die Hände reichen möchte, sondern ganz normale Geschäftsleute. Danach schlenderten wir zur La Moneda (Präsidentenpalast), wo mein guter Freund Cristobal sein Praktikum im Büro des Außenministers absolvierte, vorbei am Country Club, und dann später zum berühmten Santiagoer Jazzclub. Dort wurden wir von der Reklametafel „Se Arrienda“ bitter enttäuscht – der Laden war zu! Also disponierten wir um und crashten auf der Abschiedsparty von David, einem unserer Austauschkollegen. Der krönende Abschluss wurde in Galpon Nueve zelebriert. Den nächsten Tag ließen wir gemütlich angehen und mit dem nahenden Sonnenuntergang trauten wir uns dann auch mal aus dem Haus und in den Park, wo wir sportelnd von zwei Underground-Halbwüchsigen tratschend belagert wurden, ehe wir gemütlich zu American Football in der Cantina California und der Gran Central mit Freunden den Abend genossen.  Schwer übernächtigt zwängte ich mich dann am Samstag in die Rolle eines großzügigen Ehegatten und ging mit Chris und meiner Kreditkarte shoppen. Der Sonnenuntergang vom Cerro San Cristobal aus bewundert war atemberaubend! Ebenso war dies die Freundlichkeit eines Pärchens, das uns beiden Anhaltern vom Gipfel mit dem Auto bis vor meine Haustür brachte. Super nett, beide besitzen mehrer Headshops in der Gegend und luden uns auch gleich zu einer Party am Abend ein. Wir entschieden uns aber mal für die gemütliche Video-Variante.

Nach Chris‘ Abfahrt am Sonntag beseitigte ich den größten Unrat von fünf Tagen und zwei Männern allein zuhaus und traf mich noch abschließend mit Freunden. Um fünf Uhr morgens wurde ich dann von der Rio-Meute per Taxi abgeholt und das Brasilia-Abenteuer sollte seien Lauf nehmen…

 

Chile – femme fatale

Veröffentlicht: Februar 19, 2011 in Chile

…y hoy te vas. te vas. te vas. te vas… Meine spontane verkaterte Tour nach Valparaíso gestern  hat mich auf den letzten Druecker noch mal derbe beeindruckt, auch wenns mal wieder viel zu wenig Zeit war. Nun sind alle Koffer gepackt, die letzten Sushi-Rolls werden verdaut und um 5:30 Uhr holt mich Cristobal ab. Dann folgen 30 Stunden auf zu kleinen, engen Sitzen hocken, schlafen, gammeln, Filme gucken und Tetris spielen auf zu kleinen Bildschirmen und schwitzen in Winterklamotten (muss Gewicht sparen!) bei 35 Grad Celsius in Sao Paulo. Hui, da werd ich doch noch mal schwermuetig. Chile, mi corazon! Das hier sind ein paar gute Farbtoene:

So viel Stimmung aus der Ferne. Bis gleich dann mal!

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Torres del Paine und die letzte Hoffnung

Veröffentlicht: Februar 16, 2011 in Chile

Jippie-yay-hey, der Lowrider meldet sich aus Puerto Montt! Wirklich lucky bin ich Luke nicht – der Regen ist in der letzten Zeit irgendwie zu einem penetranten Reisebegleiter geworden und ist unkul wie Leopardenradlerhosen – aber ich mach kein Drei-Tage-Regenwettergesicht, denn ich hatte diesmal weder Bus- noch Autounfall, keinen geloecherten Kopf und kein gespaltenes Knie und selbst die Spinnen haben sich diesmal von meinen Fuessen ferngehalten. Apropos gespalten, ich sass eben in ner Kneipe und habe mir mein schlechtes Huehnerbein mit ordentlich Ketchup und Senf schmecken lassen und da ist mir diese Spannung erstmals so richtig bewusst geworden in der chilenischen Gesellschaft. In den letzten Wochen, ja gar Monaten bin ich nachrichtenabstinent durch die Weltgeschichte geirrt und konnte Gegenden erkunden, die ich mir vorher nicht mal habe ertraeumen koennen. Nunja, also von den geografischen und landschaftlichen Reizen Chiles mal abgesehen (seine extreme Ausdehnung, die vollkommen unterschiedliche Klimazonen, Landschaftsformen, Fauna und Flora hervorbringt) ist Chile vor allem politisch ein wahnsinnig interessantes Land. Innergesellschaftlich brodelts maechtig zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen. Vor allem die verschiedenen Staemme in Patagonien oder auch auf der Osterinsel haben in der Zeit meines Aufenthalts hier richtig heftige Streiks, gar Aufruhen erzeugt. Vom kollektiven Hungerstreik bis hin zur Besetzung von staatlichen Einrichtungen und der Sperrung ganzer Verkehrswege bringen das oeffentliche Leben hier oftmals ganz schoen durcheinander. Erst kurz vor meiner Ankunft in Punta Arenas ging die dortige Beseztung der Zufahrtswege zu Ende. Wanderer, die wie ich im Nationalpark Torres del Paine unterwegs waren sassen dort ne ganze Weile fest. Da hab ich nochmal Glueck gehabt. Und gestern ereignete sich der schon fuenfte Bombenanschlag dieses Jahr hier in Chile. Ich weiss nicht, ob ihr davon was in Deutschland mitbekommen habt. Die Taeter sind noch immer unbekannt. Und aussenpolitisch wirds ja gar noch heisser, vor allem wenn wir auf Peru und Bolivien zu sprechen kommen. Super spannend also. Aber das soll ja eigentlich gar nicht der Inhalt meines letzten Blogeintrages hier aus Lateinamerika sein. Ich will euch lieber nochmal richtig neidisch machen, bevor ich meine Heimreise antrete. 😉

Reisen ist nichts fuer Langschlaefer oder Faulenzer. Ich kann mich ganz im Ernst nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal ausgeschlafen habe. Das muss noch in Santiago gewesen sein. Naja, ich bin ja nicht zum Schlafen hier. Am Morgen nach meinem letzten Blogeintrag bin ich also per Bus zu besagtem Nationalpark gegurkt. Und der Lonely Planet hatte nicht gelogen! Der Park ist atemberaubend! Schon auf der Fahrt zum Park sahen wir etliche Lamas und Flamingos. Die Infobroschuere kuendigte auch noch andere Tierchen an. Wenn man Glueck habe, koenne man sogar den Puma sehen. Wenn man Pech hat, und das hat die Broschuere wirklich so gesagt, dann koenne nicht ausgeschlossen werden, dass man von einem Puma angefallen wird. Haha, das fand ich irgendwie lustig. Achso, und das Beste Tierchen fehlt ja noch: Im Osten vom Park da wohnt die liebe Vogelspinne. Hui, die ist allerdings nicht so mein Ding. Nachdem wir den Eintritt am Parkeingang entrichtet hatten, gings fuer die, die das „W“ von West nach Ost hiken wollten noch ein bisschen weiter mit dem Bus bis zur Catamarananlegestelle. Man nennt es uebrigens sas „W“, da die Route von oben betrachtet einem W aehnelt. Schon dort musste ich feststellen, dass das doch nicht so einfach werden wird mit meinem 23kg schweren Monsterrucksack auf den Schultern. Im Vergleich mit allen anderen aus meinem Hostel war mein Liebling mit Abstand das schwerste Teil. Aber ich musste ja immerhin Kleidung, Zelt, Schlafsack, Isomatte und Verpflegung fuer 3 Tage mitschleppen. Und hungern ist mal gar nicht nach meinem Geschmack. Gegen Mittag im Camp „Paine Grande“ angekommen, schlug ich sogleich mein Lager auf. Zusammen mit Rob, einem etwas durchgeknallten niederlaendischen Flugbegleiter Mitte dreissig startete ich meine Trekking-Tour. Ziel war der Gletscher Namens „Grey“. Der Weg dorthin ging durch bergige Steppen, Fluss- und Seenlandschaften und dichte Waelder. Wow! Doch der Blick vom Aussichtspunkt am Gletscher uebertrumpfte alles vorherige. Ich habe mir nocht vorstellen koennen, dass das Eis wirklich blau ist. Gegen Abend erreichten wir dann wieder erschoepft das Camp und kochten in der dortigen Kueche. Danach gabs noch ein Austral-Bierchen als Dessert. Die erste Nacht in meinem kleinen Ein-Mann-Zelt war relativ entspannt. Am naechsten Morgen verquatschte ich mich allerdings ein wenig und kam nach Zeltabbau und Rucksackgepacke erst um 11.30Uhr vom Camp los. Rob war da mit seinem Zelt schon lange verschwunden. Er war nach dem ersten Tag schon so erschoepft, dass er vermutlich am zweiten schon frueh den Catamaran zurueck genommen hatte. Denn ich haette ihn bei meiner Wanderung sonst nochmal treffen muessen. Naja, die Wanderung am zweiten Tag war noch etwas laenger als die am ersten: 24 Kilometer, davon 13 km mit meinem Leichensack auf dem Buckel. Und der Park wurde zum Torres of Pain – ich hatte mir am ersten Tag irgendwie meinen Oberschenkel gezerrt. Naja, nach dem Mittagessen (Ravioli aus der Dose) kaempfte ich mich Richtung Campamento Británico, dem schoensten Weg der gesamten Strecke. Doch leider schweiften meine Gedanken zwischendurch immer mal wieder ab, sodass ich erst unbewusst wieder in die entgegengesetzte Richtung zuruecklief (jaja, sehr verwirrt) und dann spaeter ganz und gar den sowieso schon extrem schlecht gekennzeichneten Pfad verlor und irgendwann auf allen Vieren rutschige Abhaenge hochkletterte, noch immer sicher Fussspuren zu folgen. Dass das aber allerhoechstens Lamaabdruecke waren, stellte ich nach ner guten halben Stunde Schlammrutschen fest und kehrte um, ich wollte naemlich vermeiden ohne Lampe und Nahrung die Nacht im Dickicht zu verbringen. Schon gar nicht mit der Witwe im Ruecken;) Gluecklicherweise konnte ich das Camp wiederfinden. Von dort gings dann aber noch mal ein ganzes Stueck weiter bis zu meinem Nachtlager in Los Cuernos. Schon dort war es sehr windig und ich musste mein Zelt mit reichlichen grossen Steinen sichern. Der Regen dauerte zum Glueck nur die Nacht ueber an, am naechsten Morgen kam wieder die Sonne raus. Mit einer frisch aufgefuellten Wasserflasche vom Camp – normalerweise fuellt man seine Wasservorraete mit dem Wasser aus den Baechen auf – gings dann also an meinem dritten Tag Richtung der legendaeren Torres, denen der Park seinen Namen verdankt und deren Fotos wohl fast jeder kennen duerfte. Nach elf wahnsinnig anstrengenden Kilometern aufgrund extremer Sturmboeen, abwechselndem Sonnenschein und Regenfaellen, erreichte ich am fruehen Nachmittag das Campamento Chileno, wo ich alle meine Reisebekannten wiedertraf. Von dort wollte ich nach dem Mittagessen eigentlich noch ein ganzes Stueck weiter hoch und beim Camp am Torres-Gletscher uebernachten. Der Regen und Sturm waren allerdings so heftig, dass ich meine Entscheidung auf den spaeten Nachmittag verschob und die Zeit bis dahin mit lustigen Englaendern, Kanadiern und Hollaendern verbrachte. Und da sind mir die immer wiederkehrenden Muster von „internationalem Smalltalk“ aufgefallen. Erst redet man ueber Politik, dann ueber Sport. Wenn man sich ein wenig ausgetestet hat, packt man die gegenseitigen Vorurteile aus und zieht stereotypisch ueber die Nationalitaet der anderen her und wenn man dann noch Interesse hat kommen kulinarische und kulturelle Gespraechsthemen auf den Plan. So weit kommt man allerdings aeusserst selten. Und das ist fast immer das gleiche Schema, unabhaengig vom Alter der Aufeinandertreffenden. Und um nun die Stereotypen noch weiter zu schaerfen, hier meine Favoriten, hehe: Am liebsten treffe ich Englaender, dicht gefolgt von Niederlaendern. Mit Australiern kann man mit Abstand am besten feiern und sich abschiessen. Die Belgier sind eher ruhiger, die Daenen koennen ganz schoen arrogant sein. Und die Israelis, die ich getroffen habe (was mir auch andere bestaetigten) waren mit Abstand die respektloseste Truppe. Da ich Vorurteile ja eigentlich selbst verabscheue, muss ich natuerlich anmerken, dass das alles nur subjektive nicht repraesentative Beobachtungen sind. Aber lustig sind solche wiederkehrenden Muster schon. Die meiste Zeit der letzten sieben Monate habe ich mich ja so gut es ging von Deutschen ferngehalten. Und wenn mir Deutsche begneten gab ich mich meist nicht als Landsmann zu erkennen. Und auch da wurde mir klar, dass viele Vorurteile ueber Deutsche gar nicht so falsch sind. Sie pochen oftmals knallhart auf ihr (angenommenes) Recht und denken alle anderen muessten sie gefaelligst wie Adlige behandeln und selbstverstaendlich deutsch sprechen – oder mindestens englisch. Am letzten Tag im Park begegnete mir im Kiosk an der Busstation eine Deutsche mit schwer saechsischem Akzent, die sich noch im Kiosk lautstark auf deutsch ueber die uebertriebenen Preise beklagte. Natuerlich sprach dort niemand deutsch und ich gab mir Muehe, mich nicht als Deutscher erkennen zu geben. Sie diskutierte mit sich selbst. Einfach so derbe peinlich. Lustig fand ich, dass niemand meine Nationalitaet erkannte. Viele meinten ich waere Australier wegen meinem  Akzent. Und auch mein Spanisch wurde immer wieder gelobt. Das fand ich toll, hehe. Noch ein halbes Jahr und ich bin mit meinem nuscheligen und verkurksten Spanisch nicht mehr von den Chilenen zu unterscheiden… Von den vielen Leuten, die ich bei meiner Wanderung und auch in anderen Ecken hier kennenlernte, hatte ein ziemlich grosser Teil seine Arbeitstelle gekuendigt. Meist Ende Zwanzig bis Mitte Dreissig und gar nicht mal so erfolglos im Job, doch eben nicht erfuellt. Das waren fuer viele Paerchen die Gruende vor dem Neustart die Zeit fuer eine ausgiebige Reise zu nutzen. Fand ich oft wirklich mutig diesen Schritt.

Aeh, so, also zurueck vom verregneten Nachmittag im Refugio Chileno. Da der Regen immer heftiger wurde, beschloss ich mein Zelt dort aufzubauen. Der Wind war allerdings so heftig, dass ich befuerchtete mein filigranes Zelt wuerde das nicht aushalten. Aufgebaut hatte ich es schon, als ich in staerkstem Sturm und Regen den Reissverschluss vom Aussenzelt abriss. Na geil, besch*****es Wetter und dann kann ich das Zelt nicht schliessen. Also neuen weniger stuermischen Platz suchen. Mit dem Brasilianer, dem ich vorher beim Aufbau seines Zeltes half, versetzten wir mein Zelt. Da war allerdings schon Hopfen und Malz verloren. Die Temperaturen um die 0 Grad Celsius versuessten den letzten Abend nicht sonderlich. Das Abendessen im Obdachlosenstyle in einer windstillen Ecke nahe den Muelltonnen steigerte die Campinglaune  dann schliesslich ins Unermessliche. Nachdem ich mich zwecks Auftauen meiner Haende in klitschnassen Klamotten nochmals in die warme geheizte Huette zu den anderen gesellte, die alle drinnen schliefen (mega teuer und schon Monate vorher ausgebucht), begab ich mich dann schliesslich in mein Nachlager. Schon nach wenigen Minuten stellte ich fest, dass es durch das Zelt regnete – und das lag nicht am fehlenden Reissverschluss. Naja, immerhin hielten mich die neben mir zeltenden Israelis noch stundenlang wach, sodass ich meine nassen Fuesse im nassen Schlafsack so richtig geniessen konnte. Doch mein Wille war stark, also machte ich mich als einziger Idiot am naechsten Morgen um 7.30Uhr auf zum Aussichtspunkt der Torres. Die kleinen zu ueberquerenden Baeche, die den Pfad kreuzten, hatten sich ueber Nacht zu wahren Fluessen verwandelt, sodass der Trek nun echt zum Abenteuer wurde. Die einzigen Wanderer, die ich nach einer Weile traf, waren Leute, die vom Gipfelcamp oben auf dem Weg nach unten waren – keiner hatte sich die noch 45 Minuten vom dort zum Aussichtspunkt angetan. Weiter oben wandelte sich der Regen in Schnee. Doch nach meinem kleinen Kampf in kurzen Hosen  erreichte ich schliesslich das Ende des Trails, Sicht = Null. Aber egal, ich hatte es geschafft. Check! Auf dem Rueckweg kamen mir noch andere Verrueckte entgegen, was meinen Triumph jedoch nicht schmaelerte, ich war ja der Erste, haha;)) Wieder im Camp angekommen, baute ich mein durchnaesstes Zelt ab und packte meine durchnaessten sieben Sachen. Wie kann es eigentlich sein, dass es im 21. Jahrhundert mit Marssonden, Ipads, Nanorobotern und 3-D Kino noch immer keine wirklich wasserfesten Zelte gibt???? Ich habe nun schon so viel ausprobiert, doch nach einigen Stunden kommt das Wasser ueberall durch. Das waer mal ne Frage an die Maus! Kaum machte ich mich auf den Weg zum Hotel Las Torres, von wo ein Minibus zum Parkausgang abfahren sollte, verzogen sich die Wolken und die Sonne kam raus. Ja Wahnsinn! Unten am Hotel angekommen und einen Minibus des Hotels genommen (der andere Bus kam dann doch nicht mehr), konnten wir dann endlich auch die Torres sehen, wenn auch aus der Ferne. Die Busse zurueck nach Puerto Natales waren so masslos ueberfuellt, dass ich mit einem kanadischen Paerchen das Panorama vorne mit dem Fahrer teilen konnte. Vorgestern erreichte ich dann wieder gluecklich und vollkommen erschoepft mein Hostal in Puerto Natales (Hauptstadt der Provinz mit dem vielversprechenden Namen „Última Esperanza“), wo ich eine sagenhafte warme Dusche und richtiges Essen geniessen konnte. Kein Wunder nach mehr als 73 Kilometern hiken in drei Tagen ueber Stock und Stein, durch Berg und Tal, und das ganze meist mit meinem Haus auf den Schultern. Somit habe ich meine Grundausbildung bei der Bundeswehr wohl nachgeholt 😉 Die Tour war super. Und allein zu wandern ist mit Sicherheit die beste Art den Kopf von all dem Schrott frei zu kriegen. Irgendwie hab ich gegen Ende der Reise auch gar keine Lust mehr gehabt neue Leute kennen zu lernen. Da die Zeit begrenzt ist, fuehrt man mehr oder weniger doch immer die gleichen Gespraeche. Und da ist quality time fuer sich selbst echt Gold wert.

Gestern gings dann per Bus schon wieder nach Punta Arenas, der Hauptstadt dieser suedlichsten Region Chiles, der „Región de Magallanes y de la Antártica Chilena”. Chile beansprucht ja ein ziemlich grosses Stueck vom Antarktis-Kuchen, so wie sechs weitere Laender. Da solls ne Menge Bodenschaetze geben. In Punta Arenas wars ebenfalls mega kalt, aber dafuer sind die Tage dort aufgrund der suedlichen Lage sehr lang. Und in Punta Arenas gibt es eine von drei „zonas francas“ in Chile, also Freihaefen, wo keine Steuern oder Zoelle erhoben werden. Shoppen war ich dort allerdings nicht. Eine zu kurze Nacht verbrachte ich dann in einem zu teuren Hostel und heute Morgen ging dann auch schon meine Boeing 737-200 nach Puerto Montt. Dieses Mal war ich nicht so spaet wie letztes Mal, als ich nach einer Rennfahrt in Cristobals Hyundai gerade noch so den letzten Platz im Flieger erwischte. Ich versteh das System eh nicht. Wann ueberbuchen Fluggesellschaften und wann nicht? Die gleiche Route von Punta Arenas nach Puerto Montt kann man allerdings auch per Schiff machen. Soll richtig toll sein, kostet allerdings auch ein kleines Vermoegen. Ausserdem ist vor zwei Wochen erst eines der Schiffe fast gekentert und erreichte nur mit Muehe und Not den sicheren Hafen. Naja. Nun hocke ich in einem Internetcafé in einem Einkaufszentrum. Um 21 Uhr geht mein Nachtbus in die alte Heimat, nach Santiago. Mal schauen wie ich meine ganzen Vorhaben dort auf meiner langen to-do-Liste noch abarbeiten kann.

Okay, die spannenden Geschichten meiner Brasilienabenteuer reiche ich samt einiger Fotos noch hach, doch ich denke und hoffe, dass ich einige von euch schon vorher sehen werde.

Lasst es euch allen gut gehen und bleibt gesund, wir sehen uns in wenigen Tagen!

Euer ToMma

Urlaub vom Urlaub

Veröffentlicht: Februar 10, 2011 in Chile

* Uyuni – Kaff in der Pampa – San Pedro de Atacama – Calama – Antofagasta – Santiago – Concepción – Temuco – Puerto Montt – Puerto Varas – Punta Arenas – Puerto Natales *

So schnell kanns gehen. Schlussendlich konnte ich den peruanischen und bolivianischen Wettertiefs im Norden entkommen und meine Seele ganz im Stil der chilenischen Landeier baumeln lassen. Der Weg ins gruen-bluehende Wellness-Resort von Cristobal hat sich mal wieder zu einer wahren Abenteuergeschichte entwickelt. Das nicht wirklich sehenswerte Wuestendorf Uyuni konnte ich leider ohne Salar-Tour zusammen mit zwei weiteren Chileninnen in einem Jeep verlassen. Ziel war es, so schnell wie moeglich die Wueste hinter uns zu lassen und Bergpaesse zu passieren, um die bolivianisch-chilenische Grenze zu passieren und San Pedro de Atacama in Chile zu erreichen. Doch schon nach einer halben Stunde begann unser Toyota-Gefaehrt zu mucken und wenig spaeter ganz zu streiken. Unser relativ unerfahrerer Fahrer war ziemlich ueberrascht und versuchte mit seinen Kollegen, die uns mittlerweile in anderen Jeeps eingeholt hatten, das Motorproblem zu loesen. Zehn Minuten spaeter gings weiter. Fuer zehn Minuten. Dann das gleiche Spiel von vorn. Nur hatte sich Petrus nun gegen uns gewandt  und Sandstuerme machten die Schleichfahrt nicht wirklich angenehmer. Die einsetzenden Regenfaelle waren keine wirkliche Erleichterung, denn die Strasse war natuerlich nicht geteert, es ging (mal wieder) auf und ab ueber Stock und Stein. Da wir die Langsamsten auf der Schotter-Matsch-Piste waren, wurden wir eigentlich von allen anderen ueberholt. Einen von ihnen fanden wir jedoch Minuten spaeter im Strassengraben auf der anderen Strassenseite – auf dem Kopf liegend und heftig geschrottet. Wir ereichten die Unfallstelle als eine der ersten. Die meist oesterreichischen Jungs und Maedels hatte es ziemlich erwischt. Ein Typ hatte sich den Arm gebrochen, die Maedels waren am Weinen und teils bluteten sie. Doch keiner der Jeeps hatte genuegend Verbandsmaterial an Bord, so verteilte ich fleissig meine Bandagen an die Umherirrenden. Ein anderer Jeep kehrte um brachte die Truppe dann ins Krankenhaus; ich hoffe dort kamen sie auch an. Denn der Zustand der Fahrzeuge in Bolivien – nicht nur der Jeeps dort – ist einfach moerderisch schlecht. 90 Prozent sind eigentlich gar nicht verkehrstauglich. Von den Fahrbahnen mal ganz zu schweigen. Nun denn, nach diesem Meet & Greet setzten wir unsere Holperfahrt fort, entschlossen uns aber bald in einem naheliegenden Ort die Nacht zu verbringen, um das Auto zu reparieren und den starken Regenfaellen zu entkommen. In einem Haus im Nirgendwo bekamen wir ein Zimmer und etwas zu essen – diese Unterkunft war aber auf Reisegruppen eingerichtet, auch wenns mal wieder ziemlich „bolivianisch“ zu ging… Nach einer kurzen Schlafpause gings um 3 Uhr morgens wieder weiter durch die Nacht. Doch die Erfolge der Reperaturversuche des Abends zuvor hielten nur bis zum Morgengrauen an. Dann blieb unser Glueck aus und das Auto stehen. Da uns ein weiterer Jeep begleitete, der an der bolivianisch-chilenischen Grenze eine Reisegruppe abholen wollte, konnten wir umsteigen. Danach gings mit 120 km/h ueber Duenen und Bergpaesse, vorbei an Salzseen, Flamingos, Felsen- und Buschlandschaften – einfach spektakulaer. Am hoechsten Punkt erreichte der Pass 4900 Meter ueber dem Meeresspiegel. Danach gings kontinuierlich bergab. An der bolivianisch-chilenischen Grenze wechselten wir dann den Jeep gegen einen Bus, der uns nach San Pedro de Atacama brachte: auf 2500 Meter herunter. Dort angekommen mussten wir mal wieder durch die Pass- und Gepaeckkontrolle. Chile ist das einzige Land auf meiner Reise, das ueberhaupt irgendetwas kontrolliert. Da mein chilenischer Ausweis abgelaufen war, behielt der Grenzbeamte diesen leider gleich ein. Super bloed, da dies das einzige Ausweisfoto war, auf dem ich mal kul aussah;) Naja, eigentlich eher wie ein Crack-Dealer, haha. Apropos, meine Koka-Blaetter konnte ich wider Erwarten ueber die Grenze nehmen.

Stopp! Gefunden in „The Kite Runner“:

Zurueck: Das Hostel in San Pedro konnte ich erst nach ner halben Ewigkeit und dank  einem freundlichen chilenischen Bustransfer finden. Das “Backpackers San Pedro” kann ich aber wirklich empfehlen. Den Abend genoss ich in einem mega-stylischen Restaurant mit Lagerfeuer im Hof mit meinen chilenischen Mitreisenden. Am naechsten Morgen gings dann wieder frueh raus und per Shuttlebus nach Calama zum Flughafen. Obwohl ich fuenf Stopps hatte, musste ich meinen Flieger nur ein Mal wechseln, beides waren Boeings 737 – 200. Am Abend des 9. Februar erreichte ich dann Puerto Montt, wo mich Cristobal, seine Freundin Chechu und ihr Boxer Hasso abholten. Nicht wirklich schoen, aber gewoehnungsbeduerftig. Von dort fuhren wir zu Cristobals Haus nahe Puerto Varas, mitten im Wald gelegen. Das Haus und das Grundstueck (50.000 qm!!) sind der Wahnsinn. Super sauber und luxurioes – vor allem nach meiner Reise durch Peru und Bolivien waren ein eigenes Zimmer und Badezimmer ein absoluter Traum. Danach gings auf ne Grillparty von Cristobals Feuerwehr-Freunden und anschliessend in einen Club direkt am Ufer des Lago Llanquihue. Uebrigens einer der groessten Seen Lateinamerikas. Nach einer kurzen Nacht fuhren wir dann am Morgen in das Ferienhaus von Chechu nicht weit entfernt – ebenfalls im Wald und ebenfalls ein Traum. Ebenfalls mit Flusszugang. Unglaublich. Am Nachmittag besuchten wir dann die “Salto de Petrohué”, beeindruckende Wasserfaelle vor Vulkankulisse im Nationalpark dort. Nach einem ausgiebigen Sonnenbad sassen wir dann gemuetlich mit Chechus Tante und Cousine zusammen und  hatten wieder ein tolles Asado (Grillfest). Den folgenden Tag waren wir in Puerto Varas unterwegs und genossen am Abend wieder schmackhaftes Grillgut. Chechus Eltern waren am Montag wieder von Honduras zurueckgekehrt, wo sie zwei Jahre lang lebten. An meinem letzten Tag fuhren wir auf eine der groessten und bekanntesten Inseln von den tausenden dort im Sueden Chiles. Wir erreichten per Faehre die Hauptinsel Chiloé des Chiloé-Archipel. Von dort dann in die Provinshauptstadt Castro, wo wir einen Freund Cristobals trafen, der uns zu einem wirklich guten Meeresfruechte-Restaurant leitete. Danach gings auf das Schiff seiner Familie, das im Hafen lag. Denn er ist in den Sommermonaten Kapitaen auf diesem Kahn, das komfortable Unterkuenfte fuer 15 Personen bietet, und kurvt mit Touristen durch die Buchten.

Auf dem Rueckweg machten wir noch einen Abstecher nach Ancud, wo wir das Fort San Antonio und die Kirche San Francisco besuchten. Wieder in Puerto Varas angekommen, kreuzten sich meine Wege wieder mit denen Bennis und Friedis, die gerade mit ihrem Wicked-Camper den Sueden Chiles erkunden. Nach einigen Wiedersehens-Bier traf ich mich noch mit Pepe, meinem deutsch-chilenischen Compagnon aus Puerto Montt und wir checkten am Tag des Piscola (kein Scherz!) mal wieder den angesagten und maechtig ueberfuellten Club im Hafen von Puerto Varas aus. Am naechsten Morgen brachten mich dann Cristobal, Chechu und ihre Cousine Karina wieder zum Flughafen nach Puerto Montt. Der Flug in der Boeing 737-200 dauerte nicht mal zwei Stunden. Von Punta Arenas, dem suedlichsten Punkt meiner Reise, gings dann per Bus nach Puerto Natales, etwas weiter noerdlich gelegen. Dort kam ich gestern im Hostal „Kewaskar“ an und heute habe ich nun meine Ausruetung fuer meinen letzten Hike zusammengesammelt. Morgen frueh werde ich mit dem ersten Bus um 7.30 Uhr in den Nationalpark Torres del Paine duesen, “South America’s finest national park” (Lonely Planet). Fuer vier Tage werde ich dann den Park erkunden und das “W” wandern, die beruehmteste Route im riesigen Park. Je nach Reisefuehrer sind 5 – 6 Tage angesetzt, ich versuchs in 3 1/2 . Ist ja wegen der Lage lange hell hier;)  Zelt, Schlafsack und Verpflegung sind besorgt. Da ich weder eine richtige Jacke mitgenommen habe und meine Jeans gestern im Waschsalon von Puerto Varas abhanden gekommen war (Deppen ey!), musste ich entsprechende Ausruestung heute erst noch kaufen. Puh, dieses kleine Oertchen hier hat uebertriebene Preise! Das Wetter ist mir jedoch noch hold, Temperaturen von bis zu 23 Grad Celsius am Tag sind hier eine wahre Seltenheit. Nachts kanns jedoch ziemlich frisch werden, vor allem oben bei den Gletschern. So viel von mir an dieser Stelle. Jetzt gibts noch die lange angekuendigten Fotos. Viel Spass damit. Ich verabschiede mich ganz nach dem Motto: Viel wandern macht bewandert. Also, Hals- und Beinbruch!

T
PS: Zum Thema Hygiene noch eine Anmerkung: In Uyuni bebachtete ich einen Getraenkestand. Der Eimer fuer die Getraenkezubereitung stand auf dem Boden neben dem Stand. Laut laschen musste ich, als einer der herumstreunende Hunde direkt daneben das Bein hob und begann in den Eimer zu pieseln. Hm, nice Flavour! Die Frau verscheuchte den Herumtreber und ruehrte nochmal kraeftig das Gebraeu, haha. Dazu: Ich hab ja schon berichtet, dass es in Santiago viele Streuner gibt. Nun hab ich auch ne Zahl. In der Grossstadtregion sollen angeblich 214 000 Vierbeiner herumstreunen. Na wenn das mal nicht zu tief gegriffen ist.

PPS: Fast immer, wenn ich deutschen Backpackern begegne, muss ich mich fremdschaemen. Vor allem deutsche Weibchen pflegen Uebersees ganz und gar ihren modischen Geschmack veroren zu haben…

PPPS: Viele Jungens sind nicht besser…