…bat das Art-Hostel in Rio. Nun denn, allem wohnt eine Seele inne. Apropos Seele, Friede und Einheit: Meine Starbucks-Pause hat mich gerade eben dazu animiert, euch einen Textschmaus vorzusetzen, wie ich ihn nur ganz selten mal genießen durfte. An die smarte Einleitung folgt nun mit ebenso gekonnter Überleitung eine kurze Reportage von Justus Bender, der in “Treibstoff Schmerz” ein Phänomen so markant präzisiert, dass es einem Krimi gleicht. Unbedingt lesenswert! Erschienen ist der Text übrigens in der Zeit Campus:
Treibstoff Schmerz
Zusammen mit Claudia, Chris, Zidine und Marlon flogen wir also am 20.12.2010 mit einer Boeing 767-300 über Sao Paulo nach Rio. Am Ausgang des Terminals wollten wir uns eigentlich mit Emmanuel treffen, der von Santiago aus eine andere Maschine genommen hatte. Doch dort tauchte er leider nie auf. Nach mehreren Flughafendurchsagen und Suchaktionen entschlossen wir uns ohne ihn weiterzuziehen…Jaja, von sechs verblieben schon am ersten Tag nur noch fünf Jägermeister. Die kurze Fahrt durch Rio zum Busterminal war schon atemberaubend – allein das bunte Treiben und Graffiti überall! Am Busbahnhof erwischten wir dann noch den letzten Bus nach Mangaratiba, von wo aus wir geplant hatten, die Fähre zur Ilha Grande zu nehmen. Nach zwei Stunden Busfahrt, es war mittlerweile dunkel und wir alle gut fertig und schön am Dösen, gab es plötzlich einen riesigen Knall und wir wurden nach vorne geschleudert. Ich blickte nach links und sah noch wie ein qualmendes Vehikel an unserem Bus vorbeischrammte… Wir hatten bei voller Fahrt ein Auto frontal getroffen! Als wir schließlich zum Stehen kamen, konnte ich in der Ferne nur Rauch sehen und viele Autos, die an der Stelle stoppten, wo sich die Kollision ereignet hatte. Der Busfahrer verließ daraufhin den Bus und ließ uns eingepfercht zurück – die Tür zum Cockpit des Fahrers war auch verschlossen. Die wenig später eintreffenden, schwer bewaffneten Polizisten verweigerten uns den Ausstieg. Angeblich sei es abseits der Straße im Busch aufgrund der Schlangen zu gefährlich…Doch im Bus gab es keine Toilette! Nach heftigen Protesten konnten wir dann endlich aus der Sardinenbüchse und ein anderer Bus des gleichen Unternehmens nahm zumindest einige von uns mit. Beim Ausstieg konnten wir auch die Beschädigung des Busses sehen – ob der Fahrer im Auto den Aufprall überlebte weiß ich nicht, unser Bus war übel mitgenommen. Der neue, völlig überfüllte Bus brachte uns dann nach Mangaratiba, einem kleinen brasilianischen Fischerdörfchen 100 Kilometer südwestlich von Rio. Laut Fahrplan sollte dort noch eine Fähre zur Insel ablegen, doch die einzige Beförderungsmöglichkeit stellte ein kleines Fischerboot dar, wofür dessen Besitzer eine Unsumme forderte. Also entschlossen wir uns kurzfristig, die Nacht gegenüber der Ablegestelle in einem abgehalfterten Hostel zu verbringen. Selbstverständlich ohne Klimaanlage zu fünft bei über 35°C nachts und 100% Luftfeuchtigkeit. Als Marlon und ich später nach dem Essen noch durch das kleine Dörfchen schlenderten, wurden wir von einer Horde Jugendlicher verfolgt, die uns anboten, mit den Mädels in ihrer Clique Sex haben zu können. Sehr bizarr, vor allem da die Kiddies sicher nicht älter als 14 – 16 Jahren waren! Zudem verstanden weder sie noch wir ein Wort voneinander. Die Jungs verfolgten uns dann sogar bis ins Hostel.
Am nächsten Morgen konnten wir dann endlich nach stundenlangem Schlangestehen an Deck. Der erste Anblick der Ilha Grande, was übersetzt große Insel heißt, erinnerte mich schlagartig an die Insel aus Jurassic Park: aus dem Nebel tauchte ein dicht bewaldeter Riese empor, dessen Gipfel bis in die Wolken hineinragten. Geteerte Straßen existierten nicht und ich habe in der gesamten Zeit auch nur einen LKW und zwei Mopeds gesehen. Unser Hostel, das Hostal Holandes, lag ein wenig abseits mitten im Tropenwald. Als wir die Rezeption erreichten, trafen wir auch unseren verschollen geglaubten Reisegefährten wieder. Wir bezogen unser eigenes Appartement und faulenzten den ersten Tag caipirinha-schlürfend im Dorf. Abends zogen wir durch die Gassen und tranken kühles Bier in sehr einfach ausgestatten Kneipen (Plastikstühle auf der Sandstraße). Der nächste Tag war eher strandlastig, später entschlossen wir uns noch eine kleine Strandwanderung zu unternehmen. Diese kleine Wanderung – wir waren lediglich mit Flipflops ausgerüstet – verwandelte sich aufgrund von anhaltendem heftigstem Platzregen (was auch für die kommenden Tage so bleiben sollte) mittem im Dschungel jedoch zum knallharten Überlebenstraining. Da Christian und Claudia verschwunden waren, mussten wir sie suchen, also weiter bergauf, glitschige Schlammpfade hinaufkletternd, teils auf allen Vieren vorwärtsrobbend. Irgendwann rutschten wir nur noch barfuß durch das Dickicht, fanden die Fahnenflüchtlinge gefühlte drei Stunden später aber dann doch noch.
Einen Tag später, an Heiligabend, schmausten wir alle zusammen mit anderen Hostelbewohnern lecker im Hostel und wanderten danach ins Dorfzentrum zur Weihnachtsmesse á la Brasilia. Kitschige, flackernde Lichterketten und blinkende Heiligenfiguren unter rotierenden Deckenpropellern zu Glockenschlägen aus der High-Fi – Anlage riefen auch bei besten Intentionen nicht gerade eine besinnliche Weihnachtsstimmung hervor. Nach dem lauthalsen Singen von brasilianischen Weihnachtsliedern wandten wir uns dann, zurück im Hostel, der Internationalität der Trinkspielvariationen zu. Meine Idee des „Ring of Fire“ überführte uns dann alle doch in ziemlich heilige Sphären und Natasha wurde uns zum ganz besonderen Verhängnis. Diese russische liquide Persönlichkeit ließ bei uns dann schlussendlich auch die Engelchen ertönen und wir marschierten im Regen noch gen Dorfzentrum. Dabei entwickelten sich die Sandstraßen zu Schlammpisten – doch wer sie passieren wollte, der musste das Waten durch knietiefen Matsch in Flipflops in Kauf nehmen. Der Regen führte auch dazu, dass alle Abwasseranlagen überliefen, was Toilettenabwässer etc. auf die Straßen spülte…
Am nächsten Morgen bemerkte ich am linken großen Zeh schon zwei weiße Punkte, schenkte dem jedoch keine weitere Aufmerksamkeit. Wir besuchten per Schiff den legendären Strand Lopes Mendes. Türkis-blaues Wasser, weißer Sandstrand, der direkt an den Regenwald grenzt. Wahnsinn! Mit ein paar Mädels vom Hostel wanderte ich dann wieder zurück dorthin und konnte noch mehr wunderbare Naturschätze und tierische Bewohner der Insel bestaunen. Am nächsten Tag mussten wir unser Hostel wechseln, da unser altes Hostel ausgebucht war. Danach relaxten wir am Strand von Abraãozinho und fuhren dann mit dem Motorboot zurück zum Hafen. Marlon und ich mischten uns am späten Nachmittag noch unter die einhimische Bevölkerung in einer Bar, wo wir Billard spielten und vielen Saufliedern lauschen konnten. Ein Schreck jagte mir eine extrem laute Explosion ein, die sich direkt vor der Kneipe ereignete. Solch einen ohrenbetäubenden Lärm habe ich noch nie vernommen! Wahrscheinlich war das ein selbst gebastelter Silvesterknaller…Wahnsinn, Staub wirbelte auf, alle schimpften den vermeintlichen Tätern hinterher und in meinem Ohr hallte der Knall noch zwei Tage nach. Achso, und ich habe eine kule Schlange und viele Kolibris gesehen! Am nächsten Tag fuhren wir dann schon vorzeitig zurück nach Rio, da Marlon im Unfallbus von der Hinfahrt seinen Pass vergessen hatte.
Als wir am 27. Dezember dann Rio erreichten, crashten wir für zwei Nächte erstmal in der Villa Carioca, einem Hostel im Stadtteil Flamengo. Der Schmerz in meinem Zeh hatte mittlerweile ordentlich zugelegt, sodass ich für größere Stadttouren nicht zu haben war. Unsere kleine Reisegruppe hatte sich leider nach ein paar Tagen auch als ne ziemlich lahme Truppe herausgestellt. Und mit der Einstellung immer geschlossene Gruppenausflüge zu unternehmen und nur unter sich zu bleiben konnte ich ja noch nie so viel anfangen, schon gar nicht bei solch tollen Reisen. Da zieh ich den Kontakt mit Einheimischen klar vor, man will ja schließlich was lernen. Also zog ich am Abend allein in ne Bar, dem Shooters, wo ich auch gleich mit Brasilianern ins Gespräch kam und einen der besten Abende in Brasilien verbrachte. Unter anderem wurde mir ein Dragon’s Breath spendiert, dessen Genuss schon ein Wagnis ist. Absinth, Tequila und Cointreau kommen in ein 4cl-Glas. Diese Mischung wird dann angezündet (und mit Zimt bespränkelt, was tolle Funken erzeugt) und dann mit einem großen Weizenglas abgedeckt, bis die Flamme erstickt. Dann wird ganz ratz fatz das umgedrehte Weizenglas heruntergenommen und mit einer Serviette abgedeckt. Mit einem Strohhalm muss dann in einem Zug das 4cl-Gemisch geleert und anschließend mit dem Strohhalm die Serviette durchstochen und direkt in einem Zug das Alkohol-Gas-Gemisch inhaliert werden. Unglaublich, danach fiel ich fast vom Stuhl, war aber die Attraktion der Bar. Super lustig. Am darauffolgenden Tag musste ich dann, schon schwer humpelnd, einen Doc in Rio suchen, mit dem ich mich auch verständigen konnte. Dort bekam ich dann Antibiotika, musste für die Behandlung aber immerhin nichts bezahlen. Zwischenzeitlich hatten wir auch mal wieder das Hostel gewechselt. Im Art Hostel im Stadtteil Botafogo versuchte ich dann meinen mittlerweile schwarzen Zeh, blauen Fuß und mein rotes Bein etwas zu schonen. Mit der Hilfe des Hamburger Hostelbesitzers besorgte ich mir Krücken, da ich schon gar nicht mehr laufen konnte. Als ich am letzten Tag des Jahres von der Leblosigkeit meines Fußes schwer schockiert war, entschloss ich mich früh morgens zu einem weiteren Arztbesuch. Klar, ich benötigte eine Klinik, in der jemand Englisch oder Spanisch sprach. Der Unterschied zwischen Spanisch und Portugiesisch ist nämlich unerwarteterweise enorm, was nicht nur meinem Akzent zuzuschreiben war. Auch die Spanisch-Muttersprachler konnten sich nicht auf Spanisch verständigen. Eher findet man Leute, die Englisch sprechen. Spanisch spricht in Rio (und das soll im ganzen Land nicht anders sein) fast niemand, obwohl Brasilien von einer ibero-romanischen Umwelt umgeben ist. Also empfohl mir der Hostelchef ein Krankenhaus, indem wohl Englisch gesprochen werde. Als mich der Taxifahrer dann am entsprechenden Krankenhaus ablieferte, musste ich an der Anmeldung feststellen, dass mich dieser schwer abgezockt hatte: Als ich an der Anmeldung auf meinen abgestorbenen Fuß zeigte, tippte die Dame auf ihr Herz. Nein, sie hatte kein gebrochenes Herz. Ich stand in einer kardiologischen Klinik. Die nächste Taxifahrt führte mich dann in das geplante Krankenhaus. Dort konnte mir an der Rezeption aber nicht wirklich jemand weiterhelfen, also musste eine Studenten übersetzen. Es stellte sich schnell heraus, dass im ganzen Krankenhaus weder eine Schwester, noch ein Arzt ein Wort Englisch sprechen würde. Angeblich. Naja, also ermittelte ich die nächste Station auf meiner Krankenreise. Als ich in der Privatklinik ankam, traf ich vor der Notaufnahme glücklicherweise eine brasilianische Familie, die Englische sprechen konnte. Mit deren Hilfe konnten alle Formalien geklärt werden. Stunden später wurde ich dann in die Notaufnahme hinein. Meine Ärztin sprach perfekt Englisch und ich war zum ersten Mal erleichtert. Meine Nachbarn hatten alle äußerlich sichtbare Verletzungen, da kam ich mir mit meinem Zeh-Wehwehchen schon lächerlich vor. Nach ein paar Untersuchungen teilte sie mir jedoch mit, dass man meinen Zeh umgehend operieren müsse. Es war mittlerweile 18 Uhr, am 31.12.! Ich war in Rio! Silvester! Kurz darauf besuchte mich der Doc, bei dem ich zwei Tage zuvor in der Praxis war. Keine Ahnung, wie der von mir erfahren hatte. Jedenfalls erklärte er mir den Eingriff und die Kosten: Kurze OP, umgerechnet 500 Euro cash. Schluck! Ob es denn eine billigere Alternative gäbe? Ja, ein öffentliches Krankenhaus. Sie könnten mir sogar einen Chirurg organisieren, der sonst in der Privatklinik arbeiten würde. Also fuhr ich wieder mit dem Taxi zu genannter Klinik – mittlerweile hatte ich schon ganz Rio aus dem Taxi gesehen. Als ich dort ankam, bereute ich schon meine Entscheidung. Die Fassade im Eimer, die Fenster teilweise gesplittert. An der Anmeldung stach mir so ne alte Guerilla-Kämpferin zuallererst mit einem rostigen Nagel in den Finger, um meinen Blutzuckerspiegel zu messen. Der war verdammt niedrig. War ja auch klar, ich war seit dem Morgengrauen auf meiner Krankenhauserlebnistour. Als ich dann die orthopäische Notaufnahme erreichte, baute sich ein Bild des Grauens vor mir auf. In einem ca. 300m² großen Saal lagen dutzende Verletzte auf braunen Lederliegen, blutend, stöhnend, weinend, krächzend… andere tratschend und essend. Von Autounfällen bis hin zu Schussverletzungen war alles dabei. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Als mich der zuständige Doktor erblickte, kam er gleich auf mich zu. In einem kleinen Nebenraum griff er dann sogleich ohne große Worte zum Skalpel. Der wollte doch tatsächlich direkt in diesem absolut unhygienischen Umfeld ohne großes Pipapo meinen Fuß bearbeiten. Das wurde mir zu bunt. Ich wandte in letzter Sekunde die Folterinstrumente von meinem Fuß ab und machte mit gleichem Pferdedoktor einen Termin in der Privatklinik für den nächsten Morgen um acht Uhr. Dann sprang ich auf, schnappte meinen Rucksack und meine Krücke und flüchtete humpelnd vor dem Skalpel schwingenden Todesschwadron aus dem Krankenhaus. Die letzten Worte, die mich noch erreichten, warnten mich vor Menschenmassen und Alkohol in meinem angeschlagenen Zustand. Naja, was soll ich sagen? Völlig entkräftet, jedoch froh ins neue Jahr hineinfeiern zu können, begannen wir schon kurze Zeit später im Hostel das alte Jahr gebührlich zu verabschieden. Zusammen mit Alfonso und einer Gruppe durchgeknallter Australier begaben wir uns später nahe dem Strand in Copacabana zu einem Hostel. Dort brach mit einem Mal eine eben noch fröhliche Australierin bewusstlos zusammen. Zufälligerweise stand in unmittelbarer Nähe ein privates Krankenhaus, zu dem wir die völlig betäubte und aus den Mundwinkeln tropfende Dame brachten. Am Eingang wurde uns dann mitgeteilt, dass nur eine Betreuungsperson zugelassen sei. Und da außer mir niemand Spanisch sprach (eine Krankenschwester dort ebenfalls), begleitete ich sie hinein. Viel Auskunft konnte ich auf die ganzen Fragen der Ärzte jedoch nicht geben. Als ich dann eine halbe Stunde später noch immer neben auf meine Krücke gestemmt, die Hygienetüte vor den Mund der Abwesenden hielt, kamen so langsam Zweifel in mir auf. Es war 23 Uhr am 31.12. in Rio in Copacabana und ich stand, ein völlig unbekanntes und die eigenen Körpersäfte nicht mehr kontrollierendes Drogenopfer begleitend im fünften Krankenhaus des Tages. Irgendwas stimmte hier nicht! Als ich dann aus Versehen fast das Abführmittel meines Schützlings austrank, beschloss ich kurzerhand mein Glück selbst in die Hand zu nehmen. Die Mädels und Jungs standen noch vor der Notaufnahme, ein weiterer Homie saß schon im Rollstuhl, da auch er seine Extremitäten kaum noch koordiniert bewegen konnte. Gemeinsam erreichten wir jedoch noch rechtzeitig den Strand. Das Feuerwerk inmitten von drei Millionen in weiß gekleideten Menschen war phänomenal, einfach nur atemberaubend. Auf einer Breite von Kilometern wurden die Feuerkörper vom Meer aus abgeschossen. Schön und schmerzhaft zugleich, da ich mit Flipflops und Krücke im Sand stand und von Menschenmassen umgeben war. Nach mehreren extrem schmerzhaften Kontakten machte ich mich zusammen mit William auf den Heimweg – ein Taxi war jedoch erst nach einer Ewigkeit und der Bezahlung eines Vermögens zu haben. Das Wiedersehen mit meinem Doc ein paar Stunden später im OP-Saal war sehr lustig, da meine Nichtbeachtung seiner Tipps offensichtlich war. Der Eingriff war auch ziemlich schmerzhaft, was möglicherweise auf die vorherigen Abendaktivitäten zurückzuführen war. Nun gut, meinen Zeh konnte ich behalten, musste nur viel ruhen und eine Menge Medikamente einnehmen. Erst an unserem vorletzten Tag in Rio, konnte ich mich halbwegs fortbewegen. Zusammen mit zwei Australiern unternahm ich eine geführte Favella-Tour. Ich hatte eine Weile überlegt, da viele solch eine Unternehmung ablehnen mit der Begründung, die Leute, die dort leben, seien keine Tiere, die man sich wie in einem Zoo anschauen solle. Auf der anderen Seite kann man soziale Zustände und Prozesse nur verstehen, wenn man sich mit ihnen auseinandersetzt. Und ich fand unsere Tour gar nicht schlecht, da zum einen ein Teil des Geldes Projekten in den Favellas zugute kommt und man andererseits das Leben dort kennenlernt und überrascht ist von dem würdevollen Leben, das sich Menschen dort aufgebaut haben. Das hat mit den Kinoklischees, wie zum Beispiel City of God überhaupt nichts gemein. Diese Favella gibt es übrigens wirklich in Rio. Sie zählt mittlerweile jedoch schon fast zu einer Mittelschichtssiedlung. In Rio gibt es übrigens insgesamt 786 Favellas! Laut den Infos unseres Reiseleiters sollen maximal in jeder Dritten Drogendealer noch ihr Unwesen treiben. Wie wir alle im letzten Jahr in den Nachrichten verfolgen konnten, übernahm die Polizei in vielen Favellas wieder die Gewalt und übt nun dort die Kontrolle aus. Wir besuchten Rocinha die größte Favella Rios mit ca. 160.000 Einwohnern. Dort durften wir nur selten Fotos machen, da eben doch einige Kriminelle herumtigerten. Doch von oben sah es viel schlimmer aus, als von mittendrin betrachtet. Es gab dort Waschsalons, Handwerksläden, Bars, Restaurants und sogar eine Bank, in der ich problemlos Geld abheben konnte. Und das Überraschendste: Dort stand nicht ein einziger Polizist oder Sicherheitsbediensteter! Außerhalb der Favellas säumen diese schwerstbewaffnet jede Bank, jeden Supermarkt und jede Wechselstube. Überhaupt hatte ich einen sehr guten Eindruck vom Leben in eine Favella. Klar, wir wurden sicher nur einen extra sicheren Weg entlanggeführt. Doch ich hatte den Eindruck, und das bestätigte auch die Stadtplanung (Rocinha grenzt direkt an eines der teuersten Stadtviertel Rios mit Tennis- und Golfplätzen und den abgefahrensten Penthouse-Wohnungen), dass dort eine soziale Harmonie herrscht, wie ich sie nicht kenne. Viele sind mit dem Leben in der Favella sehr glücklich und entwickeln keinen Neid oder den Wunsch auf gewaltsame soziale Umstürze. Der ehemalige Präsident Lula da Silva und seine jetzige Nachfolgerin genießen zudem eine sehr große Sympathie in den Favellas, da sie sehr viele Investitionen zur Lebensverbesserung in sozial schwachen Gegenden durchgeführt haben. Es wurden Schulen, Straßen, Kranken- und Gemeindehäuser errichtet und ganze Gebiete an das Stromnetz und eine Kanalisation angeschlossen. Zudem entfällt in den Favellas die Mehrwersteuer. Die Architektur, das einzige Alleinstellungsmerkmal von Favellas zu anderen sozial schwachen Agglomerationen, ist einzigartig. Bei unseren Fußmärschen quetschten wir uns durch engste Gässchen, vorbei an Nachbarschaftstreffen, über Balkons und Vorgärten. Ich glaube der größte Vorteil einer Favella ist der unglaublich stark ausgeprägte Gemeinschaftssinn. Jeder ist seinem Nachbarn so nah und auch gleichzeitig von ihm abhängig, dass man ein sehr harmonisches Gemeinwesen entwickeln musste. Unser Reiseleiter erzählte, dass eine Favella der einzige Ort in Brasilien sei, an dem man nachts die Haustür offen stehen lassen könne, ohne dass jemand etwas klaut. Dies mag einer der Gründe sein, warum viele, die sich einen Umzug in eine bessere Gegend durchaus finanzieren könnten, den Verbleib in der Favella vorziehen. Unser Eindruck von am Statdrand gelegenen Slums, wo Menschen unwürdig im Dreck leben und pure Gewalt herrscht ist also vollkommen falsch.
Am letzen Tag in Rio besuchte ich dann doch noch trotz Regenschauern den Corcovado, der Berg, auf dem die berühmte Jesus-Erlöser-Statue thront. Per Zahnradbahn gings bergauf. Der Blick von oben ist sagenhaft! Danach cruiste ich zum Zuckerhut, bzw. Zuckerbrot, wie es übersetzt in allen anderen Sprachen heißt. Dort ist eine Besteigung zu Fuß unmöglich. Nur per Seilbahn kann man den tollsten Ausblickspunkt ganz Rios erreichen. Auf dem Weg nach oben lernte ich ein brasilianisches Pärchen kennen, mit denen ich meine restliche Tagestour beendete. Danach checkte ich im absolut angesagte Szenestadtviertel Lapa den berühmten Clube Dos Democraticos aus, übrigens die älteste Karnevalsvereinigung Rios!
Am nächsten Abend fuhren wir, Claudia, Chris, Marlon und ich zum Flughafen, wo wir die Nacht verbrachten, da unser Flieger einer der ersten war, der von Rio aus gen Sao Paulo startete. Vom Airbus A 330 wechselten wir dort in eine Boeing 777 mit Ziel Santiago. Die Vorfreude auf Onkel Toms Hütte wandelte sich, wie schon bekannt jedoch schnell in den Kleinkrieg mit meiner Vermieterin…